Rastatt | 23. November 2025

Wasserstoff – tödlich und der mordende Ninja der Energiewende?

Ein Beitrag eines LinkedIn TopVoices hat unsere Aufmerksamkeit erfahren. Ein reißerischer Beitrag mit dem Anspruch eines wissenschaftlichen Diskurses, aber in Wahrheit mit einer Fakten-Qualität teilweise unterhalb des BILD-Niveaus.

Draußen ist es kalt und bewölkt. So winterlich kalt, dass wahrscheinlich auch die PVT-Anlagen von Sunhouse weder viel Sonnenstrom bringen und auch die Wärmepumpen-Kennzahl der Anlagen nicht besonders hoch ist.
Da könnte man doch einen Artikel bei LinkedIn platzieren dachte sich der Innenarchitekt Manfred Josef Hampel, zertifizierter TOPSpeaker und LinkedIn TopVoices aus dem Jahre 2020. Gesagt, getan – der Bericht mit dem Titelbild „Offizielles Warnschild verharmlost Wasserstoff Detonation“ wurde vom Stapel gelassen.

In seinem Bericht widmet sich Manfred Josef Hampel den (problematisierten) Eigenschaften von Wasserstoff. Wasserstoff schein charakterlich wie ein Ninja durch die Welt zu streifen und nur aufs Töten aus zu sein - so stellt es zumindest Manfred Josef Hampel in seinem Beitrag dar.

Aber schauen wir doch einfach mal den LinkeIn-Beitrag an, der laut Herrn Hampel ein „größtenteils wissenschaftlicher Beitrag“ darstellt.
Widmen wir uns doch den im Bericht als bösartig dargestellten Eigenschaften von Wasserstoff und schauen uns an, wie diese einzuordnen sind.

 

Wasserstoff ist der geruchlose Ninja und Methan kann man riechen – echt jetzt?

Gleich die erste Aussage haut mich vom Sockel: „Während wir Methan noch gemütlich riechen können, ist Wasserstoff der Ninja unter den Energieträgern.“ – und unsichtbar ist Wasserstoff auch noch. Es taucht plötzlich auf und tötet….

Echt jetzt?

Kleine Nachhilfe für TopSpeaker und DownThinker:
Betrachten wir die rund 500 reine chemischen Stoffe in gasförmigen Zustand, so sind 70-80% geruchlos und mehr als 90% sind unsichtbar.

Die meisten Gase sind geruchlos, z. B. Sauerstoff (O₂), Stickstoff (N₂), Wasserstoff (H₂), Edelgase (He, Ne, Ar, Kr, Xe) und auch Methan (CH4). Daher wird Methan (Erdgas) auch ein Odorierungsmittel zugemischt – früher war dies Schwefel.
Übrigens auch Chlor ist ein geruchloses Gas. Erst wenn Harnsäure (der Menschen) sich zum Beispiel im Schwimmbad mit dem Chlor verbindet, bezeichnen wir das fälschlicherweise als „Chlorgeruch“. Deshalb werden auch bei Chloranlagen Detektoren und Warnanlagen für das geruchslose und unsichtbare Chlorgas eingesetzt. Und schon hat man durch Technik, das Problem eingegrenzt – und das schon seit mehreren Jahrzehnten. Merken Sie was?

Und es sei Gott gedankt, dass fast alle Gase unsichtbar im normalen Licht sind. Sonst würden wir auf dieser Welt nicht viel sehen…

 

Detonation von Wasserstoff schon bei einem strengen Blick

Ohne Luftsauerstoff wird auch Wasserstoff nicht explodieren.
Aber es ist korrekt, dass der Explosionsbereich bei Vermischung mit Luftsauerstoff bei Wasserstoff mit 4% bis 75% deutlich höher als bei Methan (5-15%) ist.

Außerdem benötigt Wasserstoff unter idealen Verhältnissen gerade einmal 0,02 mJ an Zündenergie – deutlich weniger als Methan (0,28 mJ).

Aber welche Relevanz hat dies? Ganz ehrlich: Keine -
denn ein Streichholz weist bereits eine Zündenergie in Höhe von etwa 10.000–20.000 mJ auf. Und auch wenn der böse Blick wahrscheinlich nicht ausreicht, so könnte eine elektrostatische Entladung (Funke) sehr wohl eine Detonation auslösen. Jedoch liegt die Energie, die dabei frei wird meist zwischen 0,5 mJ und 5 mJ. Bei Vorliegen eines zündfähigen Gemisches ist es daher völlig egal, ob es sich nun um ein Methan-Sauerstoff- oder Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch handelt.

Ein kleiner elektrostatischer Funke, wie er beim Ausziehen eines Pullovers oder beim Berühren einer Türklinke entsteht, reicht aus, sowohl um Wasserstoff als auch Methan zu entzünden. Es existiert kein Unterschied – demnach sind die Argumentationen rund um die Zündenergie reine Panikmache.

 

Man könnte verbrannt sein, bevor man den Knall hört – echt jetzt?

Ja die Flammen- und Detonationsgeschwindigkeit ist bei Wasserstoff deutlich höher als bei Wasserstoff. Die laminare Flammengeschwindigkeit ist bei Wasserstoff mit 2,5 m/s mehr als sechs-mal so hoch wie bei Methan (0,4 m/s).

Die Geschwindigkeit einer Detonationswelle ist deutlich höher als die laminare Flammengeschwindigkeit, weil es sich um eine Stoßwelle handelt, die sich mit Überschallgeschwindigkeit durch das Gasgemisch bewegt. Und dann gibt es da noch die Deflagrationswelle. Davon sprechen Physiker und Ingenieure z. B. bei einer Gasexplosion ohne Stoßwelle.

Bei beiden ist Wasserstoff schneller als Methan - aber ist das von praktischer Bedeutung?

Deflagration (z. B. Gasexplosion ohne Stoßwelle)

  • Methan: typischer Bereich bis zu 100 m/s
  • Wasserstoff: kann bis 200–300 m/s erreichen – also unterhalb der Schallgeschwindigkeit (Luft)

Detonation (mit Stoßwelle)

  • Methan-Luft-Gemisch: ca. 1.800 m/s
  • Wasserstoff-Luft-Gemisch: ca. 1.500–2.000 m/s

Bei einer Detonation mit Stoßwelle haben wir bei beiden Gemischen Überschall – insbesondere bei geeigneten räumlichen Gebilden.

Aber jetzt mal ganz ehrlich – selbst wenn man bei einer Methanexplosion den Knall hören würde - was soll einem dies bringen?
Bei einer Explosions-Welle, die mit mindestens 100 m pro Sekunde auf einen zurast, hätte auch ein Usain Bolt keine Chance zur Flucht. Aus dem Faktum der schnelleren Flammgeschwindigkeit eine zusätzliche Bedrohung zu postulieren, ist demnach reiner Populismus.

Und was ist bitte eine „harmlose Verpuffung“. Eine Verpuffung ist eine Deflagration – und wenn sich insbesondere in geschlossenen Räumen eine ausreichende Menge an zündfähigem Gemisch gesammelt hat, wird diese immer erhebliche Auswirkungen mit sich bringen.

Detonationen und auch Deflagrationen stellen verheerende Ausnahmefälle dar, die um jeden Preis zu verhindern sind. Dies ist aber unabhängig von der eingesetzten Brennstoffart.

 

Diffusion oder wenn der Ninja durch die geschlossene Tür kommt – echt jetzt?

Diffusion und Material-Versprödungen sind Probleme, die bei Wasserstoff auftreten können. Aber hierfür gibt es – schon seit etlichen Jahrzehnten und ständig weiterentwickelt – praxiserprobte Lösungsansätze.

Gegen die Versprödung müssen andere Materialien wie austenitische Edelstähle (z. B. 1.4404, 316L), Aluminium und Kupfer verwendet werden. Auch Beschichtungen (Nickel, Chrom, spezielle Polymer-Coatings) verhindern das Eindringen von Wasserstoffmolekülen.

Gegen die Diffusion kann man Barriere-Schichten wie metallische oder keramische Beschichtungen bei Leitungen und Tanks einsetzen. Spezielle Dichtungsmaterialien wie PTFE wiesen als spezielle Elastomere eine sehr geringe Permeabilität (Durchdringung) auf. Außerdem muss man ggf. das Systemdesign ändern. Hierzu gehören doppelwandige Leitungen, Leckageüberwachung sowie ggf. Druckreduzierung.

Die Industrie hat sich gerade in den letzten 5-10 Jahren in diesen Punkten in der Wasserstoffwirtschaft deutlich weiterentwickelt und entwirft ständig optimierte oder sogar gänzlich neue Produkte.

Auch bei den Detektoren gibt es zahlreiche Entwicklungen. Neben elektrochemischen Sensoren und Halbleitersensoren (Metalloxid) stehen eine Vielzahl neuer Technologien zur Verfügung. Hierzu gehören photoakustische Sensoren, Laser-Spektroskopie (TDL, Raman), MPS-Sensoren (Molecular Property Spectrometer) und MEMS-basierte Sensoren.

Es hat sich also viel getan und tut sich in diesem Bereich sehr viel – einfach mal informieren.

Ja, wenn man die falschen Dichtungsringe und Materialien einbaut, wird selbst Wasser aus einer solchen Leitung austreten – und bei Erdgas passiert das leider in der Praxis immer wieder. Daher ist gerade bei Wasserstoff eine deutlich höhere Sorgfalt einzuhalten – ähnlich wie auch bei Wärmepumpen bei den Kältemitteln.
Aber das kann doch nicht ernsthaft ein Argument für oder gegen eine Technologie sein. Wenn das so wäre, hätten wir nie einen Dampfmotor bauen dürfen und nie eine industrielle Revolution erlebt.

 

Problematischer und teilweise niveauloser Beitrag

Ja, der Beitrag gibt einige physikalische Eigenschaften von Wasserstoff korrekt wieder. Diese sind aber in der Praxis gegenüber anderen gasförmigen Brennstoffen bedeutungslos und ohne den notwendigen Kontext für viele Menschen nicht einzuordnen. Dennoch werden diese Daten in reißerischer Art und Weise für Stimmungsmache missbraucht.

Ja – ich vertrete auch die Meinung, dass man bei Wasserstoff ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheitstechnik legen muss. Dies muss aber bei allen explosionsgefährlichen Stoffen in großer Sorgfalt gemacht werden – bei Wasserstoff nun mit zusätzlichen Techniken und zusätzlichen Aspekten. Mehr ist es nicht. Seit Jahrzehnten nutzen wir Wasserstoff in der Industrie und teilweise auch in der Mobilität – ohne den Wasserstoff-Ninja irgendwo bei seiner Arbeit als Meuchelmörder gesehen zu haben.

Es ist gerade in der heutigen Zeit von besonderer Wichtigkeit, physikalische Aspekte auch im praxisnahen Kontext darzustellen. Ich hoffe, dies ist uns gelungen.

Es gibt viele Punkte, weshalb ich die Meinung vertrete, dass Wasserstoff weder für Wärmeerzeuger im Gasverteilungsnetz noch im Individualverkehr eine sinnvolle Lösung darstellt. Hierzu würde ich mir aber Beiträge wünschen, welche nicht reißerisch und populistisch daherkommen, sondern sich bemühen, Fakten darzulegen und in den richtigen Kontext zu bringen.

Es wird Zeit für den Launch zum Wasserstoff-Guru - mit Berichten Pro und Kontra Wasserstoff.
Es wird Zeit für den Launch zum Wasserstoff-Guru - mit Berichten Pro und Kontra Wasserstoff.

Wärmewende-Coach

Seit 1999 informiert die BHKW-Infozentrum GbR auf zahlreichen Webseiten sowie in Fachzeitschriften über neue Technologien im Bereich alternativer und regenerativer Energieerzeugung mittels Blockheizkraftwerken (BHKW). Außerdem werden die Veränderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen für BHKW-Anlagen und Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) erläutert.

Bereits heute können Interessierte in dem BHKW-Kenndaten-Tool 2015 aus einer Datenbank von mehr als 1.300 KWK-Modulen die technischen Daten sowie die Investitionskosten der jeweils interessanten Leistungsgröße heraus suchen.
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