Rastatt | 29. Januar 2026

SenerTec in Schweinfurt: Vom Mini‑BHKW-Pionier zur geplanten Produktionsaufgabe

Der Markenname „Dachs“ prägte rund drei Jahrzehnte lang die BHKW-Szene im Leistungsbereich bis 20 kW elektrischer Leistung. Nun soll die Produktion in Schweinfurt im März 2026 eingestellt werde

Die SenerTec Kraft‑Wärme‑Energiesysteme GmbH wurde 1996 in Schweinfurt gegründet, mit dem klaren Ziel, das damals neuartige Mini‑Blockheizkraftwerk „Dachs“ in Serie zu produzieren. Die technologischen Wurzeln reichen bis in die Entwicklungsarbeit bei Fichtel & Sachs zurück, wo bereits seit Ende der 1970er‑Jahre an kleinen Verbrennungsmotoren für dezentrale Energielösungen gearbeitet wurde. Mit der Markteinführung des Dachs Ende der 1990er‑Jahre gilt SenerTec als Pionier der Mikro‑KWK in Deutschland und Europa.

Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg entwickelte sich der Dachs zum meistverkauften Mikro‑BHKW Europas. Je nach Quelle wurden zwischen 40.000 und 45.000 Anlagen produziert und installiert, vor allem in Mehrfamilienhäusern, Gewerbebetrieben und kommunalen Liegenschaften. In den Hochzeiten – etwa Mitte der 2000er‑Jahre – lag die Jahresproduktion bei über 3.000 Einheiten pro Jahr.

Der Standort Schweinfurt war dabei nicht nur Montage‑, sondern auch Entwicklungs‑, Schulungs‑ und Kompetenzzentrum. Die enge Verzahnung mit einem bundesweiten Netz aus rund 1.000 SHK‑Partnerbetrieben und SenerTec‑Centern machte das Unternehmen zu einer festen Größe in der Heizungs‑ und KWK‑Branche. Seit 2009 gehört SenerTec zur niederländischen BDR‑Thermea‑Gruppe.

 

Entscheidung zur Standortaufgabe – Hintergründe und Zustandekommen

Im Januar 2026 gab der Mutterkonzern BDR Thermea bekannt, die Produktion der Dachs‑BHKW in Schweinfurt bis Ende März 2026 einzustellen. Die Fertigung soll künftig in andere Werke des europäischen Produktionsnetzwerks verlagert werden. Deutschlandweit sind rund 200 Arbeitsplätze betroffen, davon 76 direkt in Schweinfurt.

Als Begründung nennt der Konzern vor allem:

  • stark rückläufige Nachfrage nach gasbetriebenen Mini‑BHKW,
  • hohen Wettbewerbs‑ und Kostendruck,
  • sowie regulatorische Unsicherheiten infolge von Gebäudeenergiegesetz, CO₂‑Bepreisung und Wärmewende.

Während vor 15 Jahren noch mehrere tausend Dachse pro Jahr abgesetzt wurden, zeigen Daten aus dem Marktstammdatenregister zuletzt nur noch rund 250 Neuinstallationen jährlich. Die auf hohe Stückzahlen ausgelegte Produktion sei damit wirtschaftlich nicht mehr auslastbar, so die Argumentation von BDR Thermea.

Gleichzeitig betont der Konzern, dass Service, Ersatzteilversorgung und Kundenbetreuung weiterhin aus Schweinfurt erfolgen sollen. Der Standort verliere jedoch seine industrielle Kernfunktion und werde faktisch auf eine Service‑Rolle reduziert.

 

Reaktionen aus Politik, Gewerkschaften und SHK‑Umfeld

Der Oberbürgermeister der Stadt Schweinfurt, Sebastian Remelé, reagierte deutlich auf die Ankündigung und stellte sich öffentlich hinter die Beschäftigten. In einer offiziellen Stellungnahme der Stadt erklärte er, die Entscheidung treffe Schweinfurt „wirtschaftlich und menschlich hart“ und schwäche den Industriestandort erheblich. Wörtlich sagte Remelé:

„Wir brauchen den Dachs in Schweinfurt. Ich stehe in engem Austausch mit allen Beteiligten und unterstütze konstruktive Gespräche mit dem Ziel, Perspektiven für den Standort und die Arbeitsplätze zu sichern.“

Neben den Industriearbeitsplätzen hob Remelé ausdrücklich auch die Bedeutung der Ausbildungsplätze und der industriellen Kompetenz für die Zukunftsfähigkeit der Region hervor.

 

Die IG Metall Schweinfurt kritisierte die Entscheidung scharf und sprach von einer „wirtschaftlich und strategisch nicht nachvollziehbaren Fehlentscheidung“. Gewerkschaftssekretär Matthias Gebhardt bezeichnete das Vorgehen des Konzerns als „Steinzeitkapitalismus“, bei dem eingespielte, hochqualifizierte Arbeitsplätze geopfert würden.

Betriebsrat und IG Metall fordern:

  • die Prüfung von Alternativen zur Schließung,
  • Investitionen in neue, zukunftsfähige Produkte,
  • sowie ein belastbares Zukunftskonzept für den Standort Schweinfurt.

Ende Januar 2026 demonstrierten über 100 Beschäftigte am Standort gegen die Produktionsverlagerung. Der Protest wurde ausdrücklich von der Stadtspitze unterstützt.

 

Auch aus dem SHK‑Handwerk und der KWK‑Fachöffentlichkeit kommt deutliche Kritik. Fachmedien wie das HausEnergieForum sprechen vom Ende einer 30‑jährigen Industrie‑Ära und warnen vor einem weiteren Verlust industrieller Wertschöpfung im Bereich dezentraler Energietechnik in Deutschland.

Vertreter aus dem SenerTec‑Partnernetzwerk und der SHK‑Branche betonen, dass der Dachs über Jahrzehnte ein zentraler Baustein der dezentralen Energieversorgung gewesen sei – insbesondere zur Netzstabilisierung und Eigenstromnutzung. Die Produktionsaufgabe werde daher auch als widersprüchliches Signal zur Energiewende wahrgenommen.

 

Einordnung und Ausblick

Die geplante Produktionsaufgabe von SenerTec in Schweinfurt steht exemplarisch für den Strukturbruch in der Heizungs‑ und Energietechnik: Während politische Zielbilder auf Elektrifizierung und Wärmepumpen setzen, geraten etablierte KWK‑Technologien wirtschaftlich unter Druck – trotz weiterhin bestehender systemischer Vorteile.

Gerade Anbieter von Mini-BHKW-Anlagen bis zu einer elektrischen Leistung von 30 kW stehen nach Meinung des BHKW-Infozentrums besonders unter Druck.

Ob es zu Kompromisslösungen, Teilverlagerungen oder neuen Produktstrategien kommt, ist derzeit offen. Klar ist jedoch: Die Entscheidung hat weit über Schweinfurt hinaus Signalwirkung für Industrie, SHK‑Handwerk und Wärmewende‑Debatte in Deutschland.

Der Produktionsstandort von SenerTec in Schweinfurt soll geschlossen werden
Der Produktionsstandort von SenerTec in Schweinfurt soll geschlossen werden

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