Herrsching | 31. August 2017 |

Leprich: "Anspruch und Wirklichkeit klaffen beim Klimaschutz auseinander"

INTERVIEW. Mit Prof. Uwe Leprich vom Umweltbundesamt (UBA) zog E&M nicht nur eine klimapolitische Bilanz der letzten Legislaturperiode, sondern sprach mit ihm auch über die anstehenden Maßnahmen.

E&M: Professor Leprich, erreicht die Bundesregierung noch ihr angestrebtes Ziel, die Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu senken?

Leprich: Das wird extrem schwierig, egal was nach der Bundestagswahl noch an schnell wirksamen Maßnahmen beschlossen wird. Es wäre schon ein Erfolg, wenn die Bundesregierung ihr Ziel nicht allzu stark verfehlen würde.

E&M: Welche Möglichkeiten hat die neue Bundesregierung nach dem 24. September, um die Blamage vor der Weltöffentlichkeit nicht allzu groß ausfallen zu lassen?

Leprich: Kurzfristig gibt es nur eine Möglichkeit, und zwar die Reduzierung der Kohleverstromung, allen voran die der Braunkohle. Einen Beitrag zum Klimaschutz haben die Braunkohlekraftwerke in den vergangenen zwei Jahrzehnten wahrlich nicht geleistet, da es kaum Abstriche an den von ihnen erzeugten Kilowattstunden gegeben hat. Wer wirklich Treibhausgase kurzfristig reduzieren will, der muss schnell einige Braunkohlekraftwerke schließen.

E&M: Daran muss sich die alte und möglicherweise neue Bundeskanzlerin Angela Merkel messen lassen?

Leprich: Genau. Die Kanzlerin hat auf dem G20-Gipfel Anfang Juli erfreulicherweise wieder Flagge für den Klimaschutz gezeigt. Ihr ist es gelungen, eine 19:1-Koalition gegen US-Präsident Trump zu schmieden, der sich aus dem Pariser Weltklimaabkommen verabschiedet hat. Trump ist damit unter den großen Industriestaaten isoliert. Die neue Bundesregierung kommt nicht daran vorbei, dieses Engagement national zu unterfüttern.

"In der nächsten Dekade droht ein Minuswachstum bei der Windkraft"

E&M: Was müsste die neue Bundesregierung neben einem Plan für den Ausstieg aus der Kohleverstromung des Weiteren liefern?

Leprich: Einen Plan für den dynamischeren Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Ziele, auf die sich die Bundesregierung zuletzt verständigt hat, reichen nicht aus, um die Klimaziele mittel- und langfristig zu erreichen. Wenn es beispielsweise beim Windkraftausbau von 2 900 MW brutto an Land ab 2020 bleiben sollte, wird es in den Folgejahren kaum Leistungszuwachs bei der Onshore-Windenergie geben. Da mehrere Tausend Megawatt Windkraftleistung ab 2021 aus der EEG-Vergütung fallen, deren Weiterbetrieb sich bei den aktuellen Strompreisen kaum rechnet, droht in der nächsten Dekade sogar ein Minuswachstum bei der Windkraft. Dazu darf es nicht kommen, auch vor dem Hintergrund der immer wichtiger werdenden Sektorkopplung. Wir brauchen mehr und nicht weniger erneuerbare Energien.

E&M: Auch für eine Verkehrswende?

Leprich: Der Verkehrsbereich ist die mit Abstand größte Achillesferse der deutschen Klimapolitik. Seit 1990 hat der Verkehrssektor so gut wie gar nichts zum Erreichen der Klimaziele beigetragen. Dagegen haben wir im Wärmebereich, vor allem bei der Niedertemperaturwärme, seit 1990 eine Reduktion von 40 Prozent erreicht. Die neue Bundesregierung fängt in diesem Bereich zwar nicht bei null an, muss aber auch hier deutlich zulegen, um das Langfristziel erreichen zu können.

E&M: Droht der Bundesregierung im Verkehrsbereich nicht noch eine weitere Klatsche? Das Ziel, bis Ende 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, ist doch auch nicht mehr erreichbar.

Leprich: Das ist richtig. Der Bundesregierung droht, zwei weitere Ziele nicht zu erreichen. Die Vorgabe, den Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent zu senken, wird – Stand heute – nicht erreicht. Außerdem erscheint die Vorgabe der EU, die für Deutschland einen Anteil von 18 Prozent am (Brutto-)Endenergieverbrauch bis 2020 festgelegt hat, kaum erreichbar. Bei der Bundesregierung klaffen, was ihre Klima- und Energieziele betrifft, Anspruch und Wirklichkeit auseinander.

E&M: Woran liegt das?

Leprich: Um das angesprochene 18-Prozent-Ziel zu erreichen, hätte mehr in Sachen regenerative Wärme getan werden müssen. Im Verkehrssektor sind die erneuerbaren Energien ganz weggebrochen, nachdem sich der Biodiesel als ökologisch nicht nachhaltig entpuppt hat. Deshalb ist der schrittweise Abschied vom Biosprit nur zu begrüßen, leider gibt es aktuell aber noch keine regenerative Alternative.

"Die KWK ist hervorragend als flexible Option geeignet"

E&M: Welche Rolle kann die Kraft-Wärme-Kopplung für das Gelingen der Energiewende übernehmen?

Leprich: Für mich erfährt die KWK derzeit eine konzeptionelle Renaissance, nachdem sie eine Zeit lang schon totgesagt worden ist. Die KWK ist hervorragend als flexible Option geeignet, um die fluktuierenden erneuerbaren Energien wie Wind und Solar zu flankieren und die Residuallast auszugleichen. KWK-Anlagen sind sehr flexibel und gut steuerbar, zwei Vorteile, die zurzeit wiederentdeckt werden. Dezentrale KWK-Anlagen und lokale Wärmenetze sind meines Erachtens wichtige Bausteine für die Energiewende, zumal diese Netze zunehmend für grüne Wärmeoptionen wie beispielsweise Solarthermie, industrielle Abwärme, Geothermie, oder was sonst noch möglich ist, genutzt werden können.

E&M: Was muss die nächste Bundesregierung anpacken, damit es wieder mehr Schwung bei der Energiewende gibt?

Leprich: Neben den großen Themen wie Abschaffung der Deckel für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien und dem raschen Einstieg in den Ausstieg aus der Kohleförderung und -verstromung sollten wir meines Erachtens mehr Freiräume ausprobieren, das heißt Ideen und Innovationen vor allem auf der dezentralen Ebene. Beispielsweise denke ich dabei an ein dezentraleres Netzlastmanagement für alle Netze, um so weitgehend einen Ausgleich zwischen Stromangebot und -nachfrage vor Ort zu ermöglichen. Das wäre für mich eine Alternative, mit der viele Kilometer neuer Netze nicht gebaut werden müssten. Wichtig wäre auch, eine größere Bilanzkreistreue zu belohnen oder mit mehr Druck dafür zu sorgen, dass bei den Stromanbietern dank dezentraler Optionen das Bilanzkreismanagement stimmt. Über diesen Weg ließe sich auch die Sektorenkopplung voranbringen. Es gibt eine Reihe von technischen Möglichkeiten, es fehlt aber meist der Business Case. Deshalb brauchen wir regulatorische Freiräume für solche Innovationen.

E&M: Welle Rolle kann das Umweltbundesamt für die Fortsetzung der Energiewende übernehmen? Sieht sich das UBA als Denkfabrik für die Energiewende?

Leprich: Das UBA hat den Anspruch, Denkfabrik der Bundesregierung zu sein. Es ist vor 40 Jahren als Forschungseinrichtung gegründet worden mit dem Ziel, die Bundesregierung ganzheitlich zu beraten. Dieser Aufgabe stellt sich das UBA. Um die zunehmenden Aufgaben zu erfüllen, bedarf es aber genügend personeller Ressourcen. Wenn die Politik das UBA hier nicht gezielt stärkt, ist der Anspruch einer Denkfabrik für die Jahrhundertaufgaben Energiewende und Klimaschutz nicht aufrechtzuerhalten.

Zur Person
Der renommierte Energieökonom Prof. Dr. Uwe Leprich, Jahrgang 1959, von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Saarbrücken, leitet seit April 2016 die Abteilung Klimaschutz und Energie beim Umweltbundesamt in Dessau.

Am 10. Oktober 2017 wird Prof. Dr. Uwe Leprich im Rahmen des KWK-Jahreskongresses über die „Bedeutung der Effizienztechnologie KWK in der zukünftigen Energiewende“ referieren und an der Diskussion zum Thema „Bedeutung der Kraft-Wärme-Kopplung im Rahmen der zukünftigen Energiewende“ Teilnehmen.

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